Texte zur Inspiration


Vom Betrachten mit der Seele

Wenn wir in die Natur gehen und eine Blume betrachten, dann kann das auf ganz unterschiedliche Art und Weise geschehen.

 

Wir können die Blume mit dem denkenden Geist betrachten. Dann finden wir die Blume schön oder hässlich, wir mögen sie oder stellen fest, dass sie uns nicht gefällt. Wir haben einen Namen dafür, ordnen sie vielleicht einer Pflanzengattung zu. Wir können das Wachstum bestaunen und das Alter feststellen, herausfinden, welchen Boden die Blume braucht, um zu gedeihen.

 

Wenn die Blume uns gute Gefühle macht, erfreuen wir uns daran, wollen sie vielleicht pflücken oder ausgraben und bei uns anpflanzen, sie fotografieren oder im inneren Gedächtnis als Ressource speichern. Wenn die Blume zertreten ist, bekommen wir traurige Gefühle, werden wütend auf die Person, die sie zerstört hat. Wenn die Blume verblüht ist, gehen wir vorüber oder hoffen auf das kommende Jahr.

 

In jedem Fall ist es so, dass wir uns bei dieser Art des Betrachtens an der äußeren Form der Blume orientieren, ihr mit unseren Wertmaßstäben begegnen und sie daran bemessen. Unser Kontakt mit der Blume ist geprägt von unseren Kategorisierungen, Zuordnungen und Bewertungen.

 

Es gibt ein Betrachten auf einer ganz anderen Ebene. Dieses Betrachten geschieht nicht mit dem Kopf, dem Verstand oder dem Gefühl. Es ist ein Betrachten aus der Seele heraus, aus einer anderen Ebene der Wahrnehmung. Ein solches Betrachten erkennt das Göttliche in einer Blume. Das Betrachten selbst ist dann etwas, das eine unendliche Schönheit zum Leuchten bringt, ohne dass das Betrachtete im Sinne des obigen Betrachtens „schön“ sein muss. Dann leuchtet auch eine zertretene Blume, eine verwelkte Blüte oder ein unscheinbares Unkraut.

 

Ein solcher Moment des Betrachtens ist ohne Zeit, die Zeit steht still darin. Er ist ewig und doch nur in diesem einen Augenblick. Dieser Moment ist es, in dem sich ein Wunder entfaltet, das Wunder der Form, die noch keine Festlegung und keinerlei Bewertung kennt. Die Blume wird dann zu einem Wunderwerk, sie spiegelt wieder, woher sie wirklich kommt, sie zeigt, wie Form mit der Unendlichkeit verbunden ist, sie wiedergibt, aus ihr erwächst und zu ihr zurückfindet – egal, in welchem Zustand sie gerade ist.

 

Die betrachtende Person ist dann ein Gegenüber, das das große Geheimnis bestaunt, sich davon im Innersten ergreifen lässt und weiß, dass jede Form ihm huldigt. Sie verschmilzt nicht mit der Blume, wird nicht eins mit ihr und ist doch aufs Tiefste verbunden.

 

Betrachten ist hier nicht einseitig, sondern wechselseitig, es ist ein sich gegenseitig zum Leuchten bringen und aus der Trübheit holen. Etwas, das das Ewige im Vergänglichen wahrnimmt, das Göttliche in der Materie. Betrachten ist hier ein Prozess, der über die Vergänglichkeit und das Verhaftet sein in dieser Welt hinausführt. Es sieht das Unberührbare und Unzerstörbare in jeder Form und bringt es dadurch ins Leben und ans Licht. Ein solches Sehen ist wir ein gegenseitiges sich Segnen.

 

Wir Menschen könnten ein solcher Segen füreinander sein.

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